ÖkoLinX-ARL: Alliierte Luftangriffe auf Frankfurt/Main


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Reden von Jutta Ditfurth
im Frankfurter Römer
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Ökologische Linke

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Jutta Ditfurth

»Alliierte Luftangriffe auf Frankfurt/Main waren eine gerechte Strafe und halfen, den Krieg zu beenden«

FAG-Fraktion (Flughafenausbaugegner) stimmt rechtem Antrag der BFF-Fraktion (Hübner) zu!

Das Stadtparlament Frankfurt/Main hat auf seiner heutigen Sitzung den Antrag NR 1220 der rechten Fraktion BFF (Stadtverordneter Hübner) behandelt. Der Antrag trägt den Titel »Gedenkstunde in der Paulskirche am 22. März 2004 anlässlich der alliierten Bombenangriffe vor 60 Jahren«. Hübner bedauert darin die deutschen Opfer eines alliierten Bombenangriffs. Die Opfer des deutschen Faschismus sind ihm kein Wort wert.
CDU, SPD und Grüne schwiegen in der Debatte.
Aber: Die Reps und drei von vier Mitgliedern der FAG-Fraktion (Flughafenausbaugegner) stimmten für den Antrag der BFF!
Jutta Ditfurth, Stadtverordnete von ÖkoLinX-ARL im Römer hielt am 26. Februar 2004 folgende Rede, die wütende Reaktionen bei CDU, Reps, BFF und FAG auslöste.

Im Wortlaut:

Guten Abend,
bis 1945 hieß es im § 2 der Vereinssatzung des Kleingartenvereins Frankfurt-Westend - und bei vielen Frankfurter Vereinen sieht es nicht anders aus -:

»Der Verein arbeitet im Sinne des nationalsozialistischen Staates. Er hat die Aufgabe (...) die Nutzung des Kleingartenlandes im Sinne der Verbundenheit von Blut und Boden als Grundlage für Staat und Volk zu Gewährleisten. (...) Mitglied kann jeder Deutsche arischer Abstammung werden.«

Betroffen waren die KleingärtnerInnen nicht von der Ermordung von JüdInnen und KommunistInnen, auch von Roma und Sinti hielt man nicht viel. Betroffen war der Frankfurter Kleingärtner

»vom Bau der Reichsautobahn und der Oeserstraße«

weil Kleingartenanlagen und Parzellen vermindert und durchschnitten wurden.

Bei den alliierten Luftangriffen auf Frankfurt am Main in der Nacht vom 22. März 1944 wurde ein großer Teil der Altstadt zerstört. In der Chronik des Kleingartenvereins Westend wird das beklagt und:

»Das Vereinsregister ist durch Feindeinwirkung am 22. März 1944 vernichtet worden.«

Der Feind hatte wahrscheinlich gerade nichts besseres zu tun.

Am Krieg war - laut Chronik - schlimm, dass die Frauen nun die Gartenarbeit machen mussten und manch ein Kleingärtner aus dem Krieg nicht heimkehrte. Was der deutsche Kleingärtner in Uniform anderswo tat, spielt in der Chronik keine Rolle.

Ich möchte einmal in meinem Leben eine Kleingartensatzung in Frankfurt/Main, einmal eine einzige deutsche Vereinssatzung finden, in der die MitläuferInnen, DenunziantInnen und MörderInnen sich zu ihren Taten bekennen.
Auf wen oder was fielen die Bomben am 22. März 1944 noch - außer auf die Vereinssatzung des KGV Westend?

Auf JüdInnen nicht mehr ... Frankfurt war fast vollständig »judenrein«.
Von knapp 30.000 jüdischen FrankfurterInnen lebten in Frankfurt fast keine mehr. 15.000 waren ins Exil gezwungen worden. 11.000 waren oder wurden noch in KZs ermordet.

Auf Roma und Sinti?
Drei Tage vor den Bombenangriffen, am 19. März 1944, fuhr wieder ein Zug mit etwa 100 Sinti und Roma Richtung Auschwitz. Das sog. Zigeuner-Lager Kruppstraße - Nachfolgeeinrichtung des Lagers in der Diestelstraße - wurde mit neuen Opfern aufgefüllt. Irgendeine wirksame Hilfe von FrankfurterInnen für die Opfer ist nicht bekannt. Nur eine winzige Gruppe von Roma und Sinti überlebte das faschistische Frankfurt.

Wie ging es KommunistInnen im März 1944?
Während die Evangelische Kirche und die Katholiken all überall die Machtübergabe an die NSDAP 1933 sofort als »Errettung von dem Bolschewismus« bejubelten, wurde 1933 zuerst die KPD und kurz darauf auch die SPD verboten. Durch Denunziation von FrankfurterInnen kamen viele KommunistInnen ab 1933 in die Folterkeller der Gestapo und in die Konzentrationslager. Bis zum Kriegsende existierten kleine illegale kommunistische und sozialdemokratische Widerstandsgruppen in Frankfurt, die unter Lebensgefahr gegen die FaschistInnen arbeiteten und die Befreiung durch die Alliierten auch zum Preis von Luftangriffen herbeisehnten.

Zum Antrag der BFF:
Welche Gedenktage, Feierstunden, Mahnmale gibt es in Frankfurt zum Jahrestag des Angriffs auf Polen? Für die ersten Deportationen Frankfurter JüdInnen? Wann und wo gedenkt der Magistrat des sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstands? Wie lächerlich spät und gering ist die Wiedergutmachung für SklavenarbeiterInnen? Es gibt, fast 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, nicht einmal ein vollständiges Verzeichnis aller Arbeitslager in Frankfurt.
Der deutschnationale Stadtverordnete Wolfgang Hübner hat beantragt, am 2. März eine Gedenkstunde anlässlich der alliierten Bombenangriffe auszurichten.
Er möge vor Scham in den Erdboden versinken!
Welchen Maßstab hat Herr Hübner?
Nur noch den des völkisch besessenen Deutschen! Diesen lächerlichen Zufall, dass er als Deutscher geboren wurde, nimmt er als hohes, gleichsam göttliches Schicksal, das sein Leben und Denken in allerengsten mentalen Grenzen hält.
Was für ein Mensch wäre Wolfgang Hübner, wäre er als Sinto geboren oder als Sohn einer jüdischen Familie? Darüber mag er selbst nachdenken.

Stern

Nach den Luftangriffen alliierter Bomber vom 18. und 22. März 1944 war ein grosser Teil der Altstadt Frankfurts vernichtet.
»Die alten Fachwerkhäuser sind zu Asche verbrannt« heisst es in Berichten. Zu Asche verbrannt waren auch Menschen - diejenigen FrankfurterInnen, die den faschistischen FrankfurterInnen zu jüdisch, zu behindert, zu kommunistisch, zu schwul, zu sehr »Zigeuner«, zu widerständig und zu minderwertig waren.

In der Nacht vom 22. März 1944 verbrannten auch Häuser, in denen habgierig den Deportierten geraubte Güter standen: Kunstschätze und Haushaltswaren.
Es verbrannten Häuser von FrankfurterInnen,

  • die Hitler zugejubelt,
  • die den Angriff auf Polen gefeiert,
  • auf Juden gespuckt und ihre Wohnungen geplündert haben und
  • die Widerstandskämpfer denunziert hatten.
Es verbrannten Häuser von Deutschen, denen es scheissegal war, dass die deutsche Wehrmacht seit Jahren eine Blutspur durch Europa zog. Dass die Fleckfieberexperimente in Buchenwald, die Vergasungen in Auschwitz, die Massaker an italienischen, griechischen, polnischen PartisanInnen, das Wüten in der Sowjetunion, das Abknallen von Flüchtlingen in den Pyrenäen, die Folter in französischen KZs, FrankfurterInnen gleichgültig war, dass ihnen gleichgültig war, was anderen Menschen passierte, solange es ihnen selbst nur gut ging, solange sie davon profitierten - durch Arbeitsplätze oder Rüstungsaufträge. Denn der Krieg und der Massenmord und der Raub in Europa war auch ein furchtbar gutes Geschäft für die Deutschen.

Ab 1943/44 wurde die deutsche Mehrheit ein bisschen sauer auf ihren heiss geliebten Hitler: Nicht weil den deutschen MitläuferInnen irgendeine humane Einsicht kam, nein, weil sie sauer waren, dass »Hitler den Krieg verlor«. Hätte Deutschland gewonnen, wären der rückwirkend behauptete antifaschistische Widerstand winzig gewesen und 50, 60 Millionen durch deutsche Schuld getötete Menschen hin oder her - der Jubel über erfolgreiche Raubzüge und Siege riesig.

Ein in der Illegalität überlebender Jude antwortete einem Reporter auf die Frage, wie er die anglo-amerikanischen Angriffe erlebt hat:

»Als die Bomber über Berlin ihre Bomben abwarfen - wir konnten das von unserer illegalen Bleibe in der Nähe von Berlin beobachten -, schrie meine Mutter in den nächtlichen und surrenden Himmel hinein: ‚Gebt ihnen mehr, gebt ihnen noch mehr’.«

Die alliierten Luftangriffe - auch die am 22. März 1944 auf Frankfurt am Main - waren eine gerechte Strafe für die Deutschen und es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass sie halfen, den Krieg zu beenden.


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